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KASSEL.
Pisa
zwei - jetzt liegen die bereits im Vorfeld heiß diskutierten
Ergebnisse offi-ziell vor. Wie sollen die Schulen reagieren? Ein
Interview mit dem Leiter der Hegelsbergschule in Kassel, Stefan
Appel, der zugleich dem Bundesverband der deutschen
Ganztagsschulen vorsitzt.
Wo
liegen die Probleme?
Appel:
Pisa zwei benennt die Bidungsdefizite genau. Es fehlt das Fächer
übergreifende Lebenslernen, es gibt zu wenig Abschlüsse, und die
Abhängigkeit vom Bildungsstand im Elternhaus ist groß.
Ganztagsschule - ist das die Antwort auf Pisa?
Appel:
Ja. Mehr Zeit für Kinder, das ist unsere Chance.
Und das heißt nicht, an einem Schultag Kinder mit sechs oder
acht Intensiv-Stunden a 45 Minuten in Folge zuzupflastern. Ein
Gehirn ohne Pause aufzuladen wie eine Festplatte - das klappt
nicht. Anspannung und Entspannung müssen sich im Tagesrhythmus
abwechseln.
Der
Schultag wird länger. Was ist mit den Inhalten?
Appel:
Schule muss sich gerade dort verändern. Nicht so verkopft sein,
sich der Realität öffnen, andere Lernformen entwickeln. Pisa
bringt die Bestätigung: Das Praxiswissen fehlt, die Schule lebt
noch zu sehr im Elfenbeinturm. Lernen und Leben zu verbinden,
muss ihr wieder gelingen.
Richtet sich der Erziehungsauftrag nicht eher an die Eltern?
Appel:
Auch. Doch auch die Schule hat schon immer erzogen. Und nur eine
Ganztagsschule kann es heute wirksam leisten, wohlgemerkt als
Lebensschule verstanden - nicht als verlängerte Halbtagsschule
mit Suppenausgabe.
Es
läuft demnach falsch an manchen Schulen?
Appel:
Viele der neuen Ganztagskon-zeptionen werden derzeit mit der
heißen Nadel gestrickt. Unser Verband will dafür sorgen, dass
Qualitätsmerkmale da sind. Manche glauben tatsächlich, mit wenig
Aufwand alles erreichen zu können. Kicker als
Bewegungsspielbereich, ein paar Bücher statt einer
Freizeitbibliothek, Snacks statt kindgerechtem Mittagessen und
als Freizeitangebot ein Schachspiel, das kann es nicht sein.
Auch Gymnasien mit verkürztem Bildungsgang müssen sich darauf
einstellen, dass ihnen, ab Mittag die Schüler rumsitzen.
Die
Hegelsbergschule hat in Kassel eine hohe Anziehungskraft über
Stadt- und Stadtteilgrenzen hinaus. Was ist Ihr Ge-heimnis?
Appel:
Das attraktive Lernangebot spricht sich herum. Die Lage in der
Nordstadt stört viele Eltern nicht. |
Wie
haben Sie das erreicht?
Appel:
Durch ausgefeilte interessante Kon-zepte. Zum Beispiel unser
neues Lernatelier, das erste seiner Art in Hessen. Das ist ein
Raum, konzipiert als Mediothek und Grup-penlernwerkstatt.
Lesetraining ist ein weiterer Baustein. Ebenso
Klassenbibliotheken, eingerichtet mithilfe der Eltern. Im
Unterricht gibt es Methodenstunden, in denen man das Lernen
lernt, ein äußerst nützliches Grundlagenwissen. Wir wollen auf
Pisa reagieren, etwas Besonderes zu werden.
Wie
ist die Resonanz der Eltern?
Appell: Gut. Nach Informationsabenden melden 90 Prozent ihre
Kinder bei uns an.
Was
wären Ihre Tipps für Kollegen an den anderen Schulen?
Appel:
Ich empfehle, wo es sinnvoll erscheint, die Abkehr vom
Frontalunterricht. Im Team Aufträge selbst zu recherchieren, das
ist für die Selbstständigkeit der Schüler das A und O. Und nur
so erlangen sie Schlüsselqualifikationen, die sich später im
Berufsleben jeder Personalchef von ihnen wünscht. Ferner sollte
man sich dabei nicht auf die Defizite aller konzentrieren,
sondern auf die Stärken jedes einzelnen Schülers.
Werden Worten Taten folgen?
Appel:
Das braucht Zeit. Auch Lehrer müssen lernen. 750 000 gibt es in
Deutschland, das System von heute auf morgen zu reformieren, ist
unmöglich. Fundierte Fortbildung, dafür bin ich sehr. Nicht nur
auf freiwilliger Basis, sondern im Grundsatz verbindlich.
Werden Schulen damit überfordert?
Appel:
Das hoffe ich nicht. Es gibt eine Aufbruchstimmung von unten,
mit Reform-ideen, frischem Wind. Ohne Pisa hätte es sich nicht
in Gang gesetzt.
Wie
wird Pisa drei ausfallen?
Appel:
Noch nicht wesentlich besser. Das Bildungssystem ist wie ein
schwerer Tanker, die Kurskorrektur ist nur allmählich. Aber sie
wird erfolgen, das halte ich für sicher.
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Zur Person
STEFAN APPEL ist Bundesvor-sitzender des
Ganztagsschulverbandes. Er studierte an der Universität
Göt-tingen Germanistik, Geschichte, Päda-gogik,
Psychologie und Philosophie. Nach zehnjähriger
Lehrertätigkeit an Kasseler Sekundarstufenschulen wurde er
zum Leiter der Schule Hegelsberg, einer
Ganztagsgesamtschule mit Gym-nasial-, Real- und
Hauptschulzweig. Seit 1978 veröffentlichte Appel viele
Schriften zu pädagogischen Fragen der Ganztagsschule.
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